Ein Fab Lab für St. Pauli

Das Fab Lab auf St. Pauli

Das Fab Lab Fabulous St. Pauli ist Teil eines weltweiten Netzwerks von inzwischen ca. 1300 “Fabrication Laboratories”. In ihnen lernen ihre Nutzer*innen neue computergesteuerte Technologien kennen, machen Erfindungen und treiben technische und soziale Innovationen voran. Denn Fab Labs sind mehr als “Bastelbuden”: Sie sind Orte, in denen mitten in der Stadt Leben und Arbeiten neu gedacht werden – im Zeitalter von ausufernder Digitalisierung, Klimawandel und zunehmenden sozialen Spaltungen sind sie auch Labore eines gesellschaftlichen Wandels.

Unsere Mission lässt sich mit drei Schlagworten zusammenfassen:

  • TechAbility
  • Citizen Innovation
  • ReFab

TechAbility: technische Bildung für alle

Die Digitalisierung und Technisierung des Alltagslebens hat in den vergangenen 20 Jahren ungeahnte Ausmaße angenommen. Gleichzeitig sind die technischen Grundlagen dieser Entwicklung nur wenigen Menschen geläufig. Erst recht fehlt vielen das Knowhow, um sich selbst technisch zu betätigen, Dinge auszuprobieren, erfinderisch zu sein. Fab Labs sind Orte, die dieser unguten technischen Spaltung der Gesellschaft entgegenwirken zu können. Einer Spaltung übrigens, die sich auch in einem abnehmenden Interesse der jüngsten Generation für die sogenannten MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) niederschlägt.

Fabulous St. Pauli bietet neben dem wöchentlichen Open Lab Day Workshops, Projekte und öffentliche Veranstaltungen an. Hierzu sind alle eingeladen – ob Rentnerin aus der Nachbarschaft, kreativer Freischaffender, Studentin, Handwerkerin, Jugendlicher aus dem Stadtteil oder Universitätsprofessorin. Ziele und Inhalte der Workshops orientieren sich am Bedarf der Menschen und decken neben technischen und gestalterischen auch gesellschaftliche Themen ab. Während z.B. Schüler*innen in einem Textilworkshop ihren Pullover mit MP3-Player-Funktionen versehen können und dabei auf anschauliche Art Grundlagen der Elektrotechnik vermittelt bekommen, lernen Hobbygärtner*innen, wie sie sich eine vollautomatische ressourcensparende Bewässerungsanlage für ihren vertikalen Balkongarten bauen können.

Citizen Innovation: Bürger*innen machen selbst Innovation

Die Zeiten, in denen technische Innovationen überwiegend aus den Forschungslabors von Industrie und Universitäten kamen, sind vorbei. Die Bewegungen um Free Software und um Open Hardware haben seit den 1990er Jahren viele wichtige Innovationen hervorgebracht. Ihr Vorteil: Sie bauen auf offenen Standards auf, sind im Prinzip also für alle zugänglich und machen  Technik transparent. Waren früher die berühmte Erfindergarage oder der Hackerspace Orte für solche Entwicklungen, finden sie nun zunehmend auch in Fab Labs und Makerspaces statt. So wie die immer populärer werdende Citizen Science – selbständig forschende Bürger*innen – die Wissenschaft in die Mitte der Gesellschaft holt, entsteht an diesen Orten eine neue  Kultur der Citizen Innovation, der Innovation von und für Bürger*innen. Diese kann flexibler auf gesellschaftliche und lokale Bedürfnisse reagieren als die etablierten Forschungsabteilungen, die häufig genug starren Plänen unterworfen sind.

Im Fab Lab Fabulous St. Pauli treffen sich inzwischen immer häufiger Projektgruppen, die hier einen inspirierenden und kreativen Ort vorfinden. Das Projekt Libre Solar etwa hat mithilfe der Geräte im Fab Lab einen cleveren Solarladewandler entwickelt, der als Open Hardware im Netz dokumentiert ist. Fabulous St. Pauli ist auch ein Ort des Maschinenbaus: Die Erfahrungen, die beispielsweise bei der Entwicklung eigener CNC-Fräsen oder DLP-3D-Drucker gemacht werden, fließen wieder in das Netzwerk zurück und ermöglichen anderen, die technischen Lösungen weiter zu verbessern. Für die Zukunft plant Fabulous St. Pauli, einen eigenen regelmäßigen Lab Day für Projektgruppen einzurichten, um die Citizen Innovation voranzutreiben.

ReFab: Ressourcen-schonende und -bewusste Produktion

Man braucht Scheuklappen, um nicht zu sehen, dass die frühindustrialisierten westlichen Länder und inzwischen auch die sogenannten Schwellenländer (z.B. China, Indien) ein Problem haben: Sie verbrauchen zu viele Ressourcen. Energie, Rohstoffe, Trinkwasser werden in einem Maße genutzt, als gäbe es noch drei Erden in Reserve. Zwar sind die Erneuerbaren Energien auf dem Vormarsch, wird Müll in vielen Ländern nicht mehr einfach auf Halden abgeladen, ist ein Bewusstsein für nachhaltig produzierte Lebensmittel entstanden. Doch reicht all dies noch für die dringend nötige Trendwende. Diese muss auch noch einer anderen Entwicklung Rechnung tragen: der Verstädterung der Gesellschaft – gegenwärtig lebt bereits die Hälfte der Menschheit in Städten, in einigen Jahrzehnten werden es mindestens zwei Drittel sein. Das Ressourcen-Problem muss deshalb gerade auch in den Städten gelöst werden. Hierfür können Fab Labs ebenfalls Labore sein, und sie verbinden sich dazu mit Urban-Gardening-Projekten und Repair Cafés.

Im Fab Lab Fabulous St. Pauli etwa werden in letzter Zeit vermehrt Ersatzteile hergestellt, die nicht mehr lieferbar sind. Fabulous-Mitglieder haben gemeinsam mit dem Sustainable Design Center e.V. 2018 erstmals eine Broschüre “3D-Druck und Reparatur” erstellt. Die Ansätze darin wurden während der von Greenpeace organisierten Make Smthng Week 2018 praktisch ausprobiert: Eine Woche lang bauten Interessierte Ersatzteile nach und druckten sie aus. ReFab kann aber noch mehr sein: Im Sinne eines Urban Mining kann das Fab Lab zu einem Ort werden, an dem gesammelte Abfallmaterialien wieder zu neuen Rohstoffen werden. Zudem bietet es die technischen Möglichkeiten, um ein Urban Farming – Landwirtschaft in der Stadt – auch an solchen Orten zu ermöglichen, wo kein Sonnenlicht hinfällt und damit die Idee des Urban Gardening auch auf Nischen und Gebäude auszudehnen.

Reden wir über Kunst

Fab Labs sind, anders als manche vermuten, keine verkappten Ingenieurbuden. Vielmehr sind sie auch Orte, an denen Kunst und Design auf Technik treffen. Im Fab Lab Fabulous St. Pauli gehen Künstler*innen und Designer*innen ebenso ein und aus wie Informatiker*innen. Das ist kein Zufall: Kunst ist im besten Fall ein Unterfangen, bei dem es nicht um neue Produkte geht, sondern um Ideen. Um das spielerische Herantasten an das Neue. Und ähnlich wie in der klassischen Kunst werden auch in Fab Labs sehr viele Unikate hergestellt: Dinge, die es genau einmal gibt, weil sie für einen Menschen ein Bedürfnis erfüllen – ein kreatives Bedürfnis, etwas auszuprobieren, und ein praktisches Bedürfnis gleichermaßen. “Man kann und darf [den Kunstbegriff] nicht so traditionell halten und sagen: Das machen die Künstler, und das machen die Ingenieure”, sagte Joseph Beuys bereits 1976. Er schlug einen “erweiterten Kunstbegriff” vor, “der wirklich ernst nimmt, dass jeder Mensch ein Künstler ist, dass in jedem Menschen ein kreativer Kern ist”. Diese Herangehensweise findet sich auch im Fab Lab Fabulous St. Pauli wieder. Wir halten sie für äußerst sinnvoll, um die drängenden gesellschaftlichen Fragen der kommenden Jahrzehnte zu beantworten.

Die Vision am Horizont

Das Konzept und die Gestaltung von Fabulous St. Pauli ist gemäß der internationalen Fab Lab Charter nicht profitorientiert. Es bietet aber die Möglichkeit, über Einzelstücke hinaus gegen eine Nutzungsgebühr schnell, flexibel und ohne große Investitionen und Risiken Kleinserien herzustellen, die in den Läden der Nachbarschaft verkauft werden können. Langfristig geht es jedoch um mehr: Die verlorengegangene innerstädtische Produktion auf eine zeitgemäße und flexible Art wieder mitten in die Städte zurückzuholen. Da reicht es nicht, dass etwa Hamburg (derzeit) drei Fab Labs hat, neben Fabulous St. Pauli noch in Wandsbek und in Harburg. Die Fab-Lab-Idee wird dann rund, wenn man sie als eine neue städtische Infrastruktur denkt, wenn es in jedem Stadtteil ein großes, offenes Gebäude gibt, in dem die Bewohner*innen gemeinsam produzieren, reparieren, lernen und erfinden können. Diese Art von technischem und sozialem Empowerment ist für die anstehenden Aufgaben, die eine Gesellschaft im 21. Jahrhundert zu lösen hat, von zentraler Bedeutung.

Das Fab Lab und sein Stadtteil

St. Pauli ist von jeher ein Ort gewesen, an dem die unterschiedlichsten Menschen miteinander gelebt haben und ganz eigenen Vorstellungen von einem guten Leben gefolgt sind. Es ist aber auch ein Stadtteil, der zuletzt wie kaum ein anderer von einer unsozialen Aufwertung erfasst worden ist. Deshalb ist der Ruf nach einem „Recht auf Stadt“ hier seit zehn Jahren besonders laut zu hören. Aber auch wenn heute keine Seeleute mehr von den Landungsbrücken in den Stadtteil strömen: Die St. Paulianer*innen sind umtriebig wie eh und je. So ist es vielleicht kein Zufall, dass das erste Fab Lab in Hamburg auf St. Pauli gegründet wurde. Es geht aber nicht um den St. Pauli-Mythos. Fabulous St. Pauli ist offen für alle, ganz gleich ob sie aus der Nachbarschaft, aus anderen Hamburger Stadtteilen oder gar aus dem Umland kommen. Wer Vielfalt und Experimentierfreude schätzt, ist hier genau richtig.